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Evangelische Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade

Monatsspruch Mai

Monatsspruch

Liebe Gemeinde, 
wahrscheinlich hätte sich auf einer Urkunde, die ich in normalen Jahren im Monat Mai übergeben hätte, dieser Vers aus dem Buch der Sprüche gefunden – er wird gerne von Konfirmandinnen und Konfirmanden als Konfirmationsspruch ausgewählt. Und das überrascht mich nicht; denn die Zeit an der Schwelle zum Erwachsenwerden ist gekennzeichnet vom Ringen um Gerechtigkeit, vom Freischwimmen aus dem, was sie von der Elterngeneration als Kinder einstmals unreflektiert übernommen hatten. Da, wo Erwachsene sofort die gedankliche Schere „der Realität“ im Kopf haben, die sich viel zu häufig Schulterzucken ergibt, wirkt solch ein Satz bei ihnen direkt – und das ist gut so! Denn die Achtsamkeit für die, die aus welchem Grund auch immer nicht gehört werden, ist Ausdruck für die Menschlichkeit eines sozialen Gemeinwesens, das jedem Menschen einen Platz zum Leben in Menschwürde bietet und auch Ausdruck unseres Glaubens an den einen Gott ist.

Für mich ist dieser Satz der moralische Gegenentwurf zu allen, die sich als Vertreter*innen der angeblichen schweigenden Mehrheiten verstehen und sich vor dem Hintergrund dieses Selbstbildes herausnehmen, Recht und Ordnung zu brechen und für sich selbst Rechte in Anspruch zu nehmen, die sie anderen am liebsten von vornherein verwehren würden. Die sie vor allem denen verwehren wollen, die im Verständnis der Bibel, Alten wie Neuen Testaments, Gott besonders am Herzen liegen.

Denn das Recht der Stummen und der Schwachen ist im biblischen Sinne besonders geschützt - das Recht der Witwen, Waisen und Fremdlinge gehört zum grundlegenden Wertekanon der Bibel. Und das ist besonders zu bemerken, weil es gerade diese Gruppen von Menschen waren, die damals und - in manchen Gegenden dieser Erde bis heute - ums Überleben kämpfen müssen.

5.Mose 10,17-19: „Denn der Herr, euer Gott, ist der Gott der Götter, er ist der Herr der Herren. Er ist der große, mächtige Gott, vor dem man Ehrfurcht hat. Er kennt kein Ansehen der Person und ist nicht bestechlich. Er verhilft Waisen und Witwen zu ihrem Recht. Er liebt die Fremden und versorgt sie mit Nahrung und Kleidung. Darum sollt auch ihr die Fremden lieben. Denn ihr wart selber Fremde im Land Ägypten.“

Für die Bibel im 5. Buch Mose ist das Befolgen dieses Appells die Grundlage dafür, dass das Volk Israel das Land erreichen kann, in dem Milch und Honig fließen – und zwar für alle, nicht nur für die oberen Zehntausend.

Im übertragenen Sinne bedeutet das für mich, dass eine Gesellschaft nur dann den vollen Segen und den vollen Genuss am Leben erlangen kann, wenn auch die Stummen, die zum Verstummen Gebrachten und die Schwachen ins Recht gebracht werden und zur Teilhabe am Leben aller befähigt werden.

Da gibt es in dieser unserer Welt noch viel zu tun – direkt vor der Haustür und an den vielen Ecken, die es nie in die Nachrichten schaffen.

Die Worte für den Monat Mai sind „nur“ ein Appell – aber einer, der es in sich hat.

Lassen wir uns also in diesem Mai am Pfingsttag mit Gottes Geist beschenken, der uns den Mund öffnen möge, damit wir uns für das Recht der Schwachen und Stummen einsetzen.

Ihr Pfr. Roland Wieloch