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Evangelische Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade

Monatsspruch November

Monatsspruch

Liebe Gemeinde, 
der Totensonntag – nennen wir ihn lieber Ewigkeitssonntag – steht am Ende des Kirchenjahres. An diesem Tag gedenken viele ihrer Verstorbenen, besuchen Friedhöfe, gehen zu den Gräbern, schmücken sie mit Blumen und Kränzen. Manches Grab ist noch neu, ungewohnt noch die Trauer, das Leid, die Tränen.

Es ist schwer, sich mit dem Unvermeidlichen abzufinden, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ein geliebter Mensch weggegangen ist, dass es keine Wiederkehr mehr gibt, kein Gespräch, keine Berührung. Das ist eine Last, die getragen werden muss. Doch wir sollten uns nicht in der Trauer vergraben, wir sollten uns von ihr nicht den Atem zum Leben nehmen lassen. Wir müssen mit der Einsicht leben, dass auch das Sterben dazugehört. Wir müssen! Eben so, wie es der 39. Psalm sagt: „Herr, lehre mich doch, dass es ein Ende haben muss mit mir und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss . . .“

Vielleicht kann man sagen, dass unser Leben wie ein Haus ist, das uns nicht gehört, das wir eines Tages verlassen müssen. Es wird uns gekündigt, wir wissen nicht wann. Und manchmal, trotz dieser Einsicht, denken wir, es wäre so schön, wenn wir darin wohnen bleiben könnten. Doch das ist Wunschdenken. Wir müssen es verlassen, und es wäre gut, wenn wir es zuvor etwas in Ordnung bringen könnten. Da ist ja mancherlei Ballast und Durcheinander, wenn wir es einmal kritisch durchwandern: Schuld, Versäumnisse, irgendwann falsch abgebogen, Lieblosigkeiten und Rechthaberei. Vielleicht wartet ein Mensch auf ein freundliches Wort, wartet darauf, dass wir sagen: Ich bin dir nicht mehr böse oder bitte, sei mir nicht mehr böse. Vielleicht müsste noch ein Dankesbrief geschrieben werden an irgendeinen Menschen, an Gott für das gelebte Leben. Oder Gedanken des Friedens müssten gesammelt werden für die, die zurückbleiben. Ein Segen gedacht oder niedergeschrieben für die nachfolgende Generation.

Ja, eines Tages öffnet sich die Tür, Aufbruch, Auszug mit bangem Herzen. Wohl dem, der dann sagen kann: Ich weiss, wohin ich gehe! Vielleicht mit einem Gebet im Herzen: „Bleibe bei uns, Herr, am Abend des Tages, am Abend des Lebens, am Ende der Welt. Bleibe bei uns mit deiner Gnade und Güte, mit deinem Wort und Sakrament, mit deinem Trost und Segen.“

Ja, unser Leben ist wie ein Haus, das uns nicht gehört. Es ist gut zu wissen, wohin man geht, wenn es uns gekündigt wird.

Auf eine ganz andere Art wurde uns in diesem Jahr gekündigt. Die Pandemie hat unser Gemeindeleben von einem auf den anderen Tag aus den Angeln gehoben. Wir mussten unsere Häuser und Kirchen schließen. Das gesamte Gemeindeleben stilllegen. Tausende saßen vereinsamt in ihren Wohnungen, in Seniorenheimen und Krankenhäusern. Der Zugang zu ihnen war uns untersagt. Das Gemeindeleben verlegte sich nach draußen, wir bauten Zelte, erstellten Hygienekonzepte, meldeten uns digital und schrieben Briefe. Gottesdienste konnten nur in sehr begrenztem Rahmen stattfinden und Bestattungen finden noch immer vor der Kapellentür statt. Das alles hat uns mit großer Trauer erfüllt. Traurig machen mich in dieser Zeit zudem all jene Menschen, die in der Pandemie eine Art Verschwörung sehen, die eine durch Panik und Angst gefügige Menschenmasse in jede Richtung treiben würde. Dem ist aber nicht so!

Eines haben wir zum Glück sehr schnell begriffen: Die Pandemie wird uns nicht die Zukunft nehmen. Wir benötigen nun Tatkraft und Mut, um an der Zukunft unserer Gemeinde zu arbeiten. Die Frage ist: Zurück zu Normal oder weiter zu Besser?

Apropos Mut: Diese Zeilen schreibe ich Ihnen in der Reha. Ich musste mich einer Operation an der Wirbelsäule unterziehen und laufe endlich wieder schmerzfrei und einigermaßen gerade. Inzwischen freue ich mich sogar auf eine ausgedehnte Wanderung mit meinem Hund. Doch einige Wochen werden Sie noch auf mich verzichten müssen. Bei meinen täglichen Übungen denke ich oft, Mut funktioniert eigentlich wie ein Muskel. Wenn du ihn nicht benutzt, schrumpft er. Wenn Mut lange nicht gebraucht wird, kommt er abhanden. Seien wir mutig! Unser Gemeindekirchenrat ist es. Er schaut in die Zukunft. Gott sei Dank! Denken wir an die Worte des Propheten Jeremia: Sie werden weinend kommen, aber ich will sie trösten und leiten.

So war es und so wird es sein!

Ihr Pfr. Veit Hoffmann