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Evangelische Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade

Monatsspruch November

Monatsspruch

Liebe Gemeinde, 

das Gedenken an dreißig Jahre Mauerfall am 9. November ist präsent. Serien in den Zeitungen oder im Fernsehen beleuchten die Ereignisse, lassen Zeitzeugen zu Wort kommen, fragen nach der Rolle der Kirche.

Dreißig Jahre, das ist eine lange Zeit. Für Kinder und Jugendliche ist die Berliner Mauer Geschichte. In den Gesprächen, die ich mit Menschen führe, wird mir immer wieder deutlich, wie sehr die Mauer Familiengeschichten geprägt hat. Es sind Geschichten der Trennung. Es war doch ganz selbstverständlich; zum anderen Teil der Familie nach Groß-Ziethen zu gehen, ins Elternhaus. Mit dem Bau der Mauer hörte das plötzlich auf. Da konnte man der Familie noch zuwinken, als die Grenze gezogen wurde, aber nicht mehr hinübergehen. Andere erzählen, dass sie als erwachsene Kinder in Lichtenrade lebten, aber die Mutter im Ostteil der Stadt die Enkel nicht aufwachsen sehen konnte. Da sind auch die Geschichten von Menschen, die im letzten Moment in den Westteil der Stadt gekommen sind. Da gibt es die Erzählungen von Flucht, geglückt oder missglückt. Und dann das Wunderbare: die Öffnung der Mauer. Familien kommen wieder zusammen. Ausflüge ins Berliner Umland – es gibt so viel zu entdecken. Diese Geschichten sind tief eingegraben, sie prägen die Familien. Hier in Lichtenrade höre ich diese Geschichten häufig aus der Westperspektive. Aus der Ostperspektive hören sie sich nochmal anders an.

Am 9. November feiern wir einen ökumenischen Gottesdienst am Gedenkstein an der B 96. Ein Innehalten an diesem besonderen Datum, das durch so verschiedene geschichtliche Ereignisse geprägt ist. Ein Gedenken an das Leidvolle. Und Dankbarkeit für den friedvollen Wandel. „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ lautet das Motto dieses Gottesdienstes.

Ja, das kann ich, das können wir. Oft erscheinen die Verhältnisse festgezurrt. „Da kann man ja eh nichts machen. Was soll ich da schon ausrichten?“ Solche inneren Stimmen hindern am Handeln. Doch Wandel ist möglich – der Fall der Mauer ist ein Beispiel dafür. Viele hätten es nicht für möglich gehalten, das zu erleben – und doch ist es passiert. Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. Mit Gottvertrauen kann ich überwinden, was als Hindernis im Weg steht.

Gottvertrauen formuliert auch der Monatsspruch für November: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Ein stark formulierter Satz: Mehr als ein „Ich hoffe“, stärker als ein „Ich glaube“. Ein fester, unverrückbarer Grund wird formuliert: „Ich weiß das“.

Die Aussage wird noch stärker, wenn man dieses Bibelwort im Zusammenhang liest. Denn Hiob zweifelt an Gott. Hiob rechtet mit Gott. Er, der alles für Gott getan hat, verliert alles, was er hat: Besitz, Familie, Gesundheit. Hiobs Zweifel sind groß.

Und dann mitten in dem Zweifel das Aber. Ein Aber als Erinnerung an die Gewissheit: Gott ist für mich da. Es ist mein Gott. Ich stehe in Beziehung zu ihm. Und er steht in Beziehung zu mir. Er wird mich erlösen. Er wird mich aus meinem Leid befreien. Er nimmt die Last von mir. Er belässt mich nicht in dem, was mich gefangen hält. Er führt mich auf einen neuen Weg. Denn er ist mein Erlöser. Und als dieser Erlöser ist er lebendig. Ja, es gibt ihn, und er handelt. Mitten im größten Unglück bricht aus Hiob dieser Satz heraus: „Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Gerade weil dieser Satz in dieser Situation formuliert ist, wird er mir kostbar. Hiob spürt den Grund, auf dem er steht. Und am Ende wird Gott ihn tatsächlich ins Recht setzen.

November, das ist auch das Ende des Kirchenjahres. Wir gedenken der Verstorbenen. Vielleicht trauern auch Sie um einen Menschen. Gerade in der dunklen Jahreszeit kann der Verlust schwer wiegen. Hiob spricht aus seiner eigenen Leiderfahrung heraus die Gewissheit, die auch über diesem Monat steht: Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

Ihre Pfn. Juliane Göwecke