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Evangelische Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade

Monatsspruch Februar

Monatsspruch

Liebe Gemeinde,        
ich mag den Spaziergang am frühen Morgen mit dem Hund. Der angrenzende Müggelsee ist zu jeder Jahreszeit schön. Hier beginnt er zu toben. Weil das dauern kann, setze ich mich meist auf einen Baumstumpf und schaue ihm zu. Der Geruch von frischer Erde, ein Baumstumpf, ein See, ein hechelnder Hund . . .
Wie simpel doch Glück sein kann!

Solche Momente sind geschaffen zum Nachdenken. Heute dachte ich über den Monatsspruch nach. Genauer: über die Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll, wie Paulus sagt. Ich fragte mich: Glauben wir eigentlich noch an diese Herrlichkeit, die uns am Ende unseres Lebens begegnen wird? An dieses Reich, das nicht von dieser Welt ist, aber die Welt von morgen sein wird? Glauben wir noch an Gottes Versprechen, nach unserem letzten Atemzug weiterhin leben zu können? Oder laufen wir nur noch wie mit Scheuklappen den nächsten Bedürfnissen und Wünschen hinterher?

Für diese Einstellung steht auch der Bayern-Star Frank Ribéry, der sich stolz vor einem vergoldeten Steak zeigte. Da liegt es ganz bildlich und buchstäblich, das goldene Kalb, um das viele tanzen. Ein noch besseres Bild für die Absurdität einer bestimmten Lebenseinstellung gibt es wohl kaum. 

Woody Allen sagte einmal: „Ich glaube nicht an die Ewigkeit, aber Kleider zum Wechseln werde ich schon mitnehmen.“ Im Urlaub sah ich (kein Quatsch!) einen Grabstein mit der Inschrift: „Jetzt weiß ich, wo du die Nächte verbringst“. Lustig und traurig in einem. Viele Menschen glauben nicht an die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod.  Sie halten sich für zu aufgeklärt. Aber trostvoll wäre es für sie schon. So wie Woody Allen, der vorsichtshalber doch Wechselwäsche mitnehmen wird.

Auch in meiner Kirche wird selten darüber gesprochen. Apfel und Schlange sind aus dem Glaubens-Vorspann verschwunden, aus dem richtenden Gott wurde ein „lieber“ Gott, aus Jesus ein „Bruder“, und in der Verkündigung geht es oft um Wohlergehen, um Verbesserungen im gemeinsamen Leben, nicht aber um die Einübung in das ewige Leben. Die Kirche konzentriert sich zu viel auf das Diesseits. Aber das Jenseits in aller Herrlichkeit darf nicht geschlossen werden, denn das tief verborgene Wunderbare muss dem Leben Farbe verleihen! Glaube heißt, ich möchte, dass es so ist! Deshalb sind wir als Gemeinde überhaupt da. Dies zu verkündigen ist unser wichtigstes Amt. All die administrativen Aufgaben sollten dieses Amt nicht überdecken.

In einer Kirchengemeinde sprachen wir einmal über das Paradies. Da sagte eine Frau: „Wir erkennen es erst, wenn wir es verloren haben und uns dann danach sehnen.“ Solange wir gesund sind, ist das körperliche Wohlbefinden eine Selbstverständlichkeit. Mit einer bedenklichen Diagnose im Krankenhaus allerdings besinnen wir uns, möchten nur wieder hergestellt sein, nennen es das höchste Glück, wieder wandern zu können, zu arbeiten, Ski zu laufen oder zu verreisen. Dann bekommt die Vergangenheit einen Glanz, den wir nicht erkannten, als wir sie erlebten.  Wunschdenken im kalten Licht der Neonlampen. Ist dann der alte Zustand wieder hergestellt, zerfließt das überschäumende Glück sehr bald in den alltäglichen Selbstverständlichkeiten. Wir sollten bewusster leben. Christus kann uns dabei helfen. Hat er uns nicht gesagt, in meines Vaters Haus sind viele Wohnungen? Und hat er uns nicht gesagt, wie wir dahin kommen können? Aus seinem Wort speist sich alles, was wir mit gutem Grund die Prägekraft des christlichen Glaubens nennen.

Wenn wir das vergessen oder vernachlässigen, ergeht es uns wie den Kölnern. Vor 10 Jahren um diese Zeit versank dort das historische Archiv der Stadt im Grundwasser. Das Gedächtnis der Stadt lag unter Trümmern von Beton und Stahl. Vieles, was in dieser Stadt je gesagt, gedacht und protokolliert wurde, ist unwiderruflich zerstört.

Was ist ein Archiv? Es ist das Protokoll des Lebens. Auch wir haben ein inneres Archiv unseres Lebens. Hier befinden sich unsere Tränen, Hoffnungen, Träume und unser Glaube.  Es ist auch eine Form von Sehnsucht. Ein Archiv muss sorgsam gepflegt und an die kommenden Generationen übergeben werden. Es muss mehr drin sein als Nichtigkeiten und Schnäppchen. Der Schriftsteller Knausgard formuliert es ungefähr so: das Göttliche, Feierliche, Heilige, Schöne und Wahre sollte eine gültige Größe im Leben bekommen.

Auf dem Rückweg zum Auto trottet der Hund neben mir. Er ist jetzt ziemlich erschöpft, aber glücklich. Mir selbst kommt eine Liedstrophe von Paul Gerhardt in den Sinn: Ich lag in tiefster Todesnacht, / du warest meine Sonne, / die Sonne, die mir zugebracht / Licht, Leben, Freud und Wonne. / O Sonne, die das werte Licht / des Glaubens in mir zugericht, / wie schön sind deine Strahlen!
Christus als Sonne, die in die Dunkelheiten unseres Lebens scheint. Das innere Licht unseres Glaubens. Die Christus-Sonne, die Herrlichkeit, die uns erwarten wird.

Ich freue mich auf die kommende Zeit mit Ihnen!

Ihr Pfr. Veit Hoffmann