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Evangelische Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade

Monatsspruch September

Monatsspruch

Liebe Gemeinde, 
nach dem Urlaub treffe ich mich mit einer guten Freundin. Wir bringen uns gegenseitig auf den neuesten Stand und berichten uns, was in der letzten Zeit los war.

Sie erzählt: „Dann hatte ich noch Besuch von einem alten Schulfreund. Wir haben uns bestimmt 10 Jahre nicht mehr gesehen. Jetzt hatte er ein Meeting in Berlin und hat bei uns übernachtet. Darüber habe ich mich gefreut. Aber: das ist schon ein Typ. Für den ist alles schön. ‚Schön, dass wir uns endlich wiedersehen!‘ ‚Ihr habt es ja schön hier!‘ ‚So schöne Blumen habt ihr auf dem Balkon!‘ ‚Schön, mit euch hier zu sitzen.‘ Einfach alles ist für ihn schön. Mein Mann war ganz genervt und ist an dem Abend früh ins Bett gegangen. Am nächsten Morgen hat mein Mann zu mir gesagt: ob es irgendetwas für ihn gibt, was nicht schön ist?“

„Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit…“. So beginnt der Monatsspruch für den September. Wenn ich diesen Spruch lese, muss ich an den Schöpfungsbericht in der Bibel denken. Am Ende der Schöpfung blickt Gott auf alles, was er gemacht hat und kann zusammenfassend sagen: „Siehe, es war sehr gut.“

Ja, aber…

… es ist doch nicht alles gut. Es ist doch nicht alles schön. Wir leben nicht im Paradies. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, sieht so viel, was im Argen liegt. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Krieg, Hunger, Naturkatastrophen bringen ungezähltes Leid über Menschen. Und auch im persönlichen Bereich gibt es Sachen, die schief laufen.

Wer es sich leisten kann, entflieht dem vielleicht, fliegt im Urlaub in ein Urlaubsparadies, in eine Scheinwelt. Doch auch dort gibt es Streit mit dem Ehepartner. Auch auf einer traumhaften Südseeinsel kann einem am Strand eine Kokosnuss auf den Kopf fallen.

„Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit…“?

Der Monatsspruch stammt aus dem Buch des Predigers. Es wird dem König Salomo zugeschrieben und gehört zur Weisheitsliteratur im Alten Testament. Voran geht der bekannte Text: „Alles hat seine Zeit: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;…“ So zählt der Prediger viele Gegensatzpaare auf.

Wir sehen: er hat nicht einfach eine rosarote Brille auf. Er sieht die Facetten des Lebens und dieser Welt, er weiß um das Schöne wie um das Schwere im Leben.

Doch das, was Gott tut, können wir nicht ergründen, schreibt der Prediger. Wir sind Menschen, Geschöpfe Gottes. Aber Gottes Wege sind für uns nicht nachvollziehbar. Der göttliche Zeitplan bleibt uns verschlossen, so sehr wir uns auch darum bemühen, ihn zu verstehen. Wir können nicht verstehen, warum zur einen Zeit das Lieben dran ist, zu einer anderen Zeit das Hassen.

Doch genau dieses Scheitern, dass wir nicht erkennen, warum etwas wann passiert, soll uns lehren, Gott zu fürchten. Es macht uns den Unterschied deutlich, der zwischen uns Menschen und Gott besteht. Der Prediger ruft trotz allem zum Vertrauen auf: „Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“

Als meine Freundin mir von ihrem Besuch erzählt hat, kamen mir die Bibelworte in den Sinn, die im Anschluss an den Monatsspruch stehen: „Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“

Alles hat seine Zeit. Für mich beginnt ab September eine besondere Zeit der eigenen Fortbildung, eine Studienzeit, die ich schon vor langer Zeit geplant habe. Bis zum Jahresende werde ich also keine pfarramtlichen Aufgaben in der Gemeinde wahrnehmen. Stattdessen werde ich mein Promotionsvorhaben zur „Darstellung der Familie Jesu im Johannesevangelium“ vorantreiben. Ich bin dankbar, hierfür Zeit am Stück zu haben und die vielen vorhandenen Fäden zu einem Teppich zusammenzuweben.

Ihre Pfn. Juliane Göwecke