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Evangelische Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade

Monatsspruch November

Monatsspruch

Liebe Gemeinde,
ich schreibe diese Zeilen in den Tagen nach „Xavier“; die Spuren des Sturms beschäftigen die Menschen in unserer Stadt. In den Zeitungen und Netzportalen kann man unendlich viele Schilderungen von Menschen lesen, die von Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein berichten, weil die sonst so selbstverständliche Infrastruktur der Mobilität innerhalb von Stunden zusammenbrach und nur ganz langsam wieder ins Laufen kommt. In den Gärten und auf den Straßen liegt überall noch herum, was der Sturm niedergerissen hat. Und wenn es die alte Fichte vor der Dorfkirche ist, vor der man im nächsten Jahr das Foto zur goldenen Hochzeit machen wollte, dann wird die Vergänglichkeit greifbar, in der wir leben.

Das sind nur Bruchteile der Erfahrungen, die die Menschen in der Karibik machen mussten, denen die Hurrikans mit ihren Zerstörungen die Lebensgrundlage weggerissen haben. Doch genügt es, sich klar zu werden, dass wir als einzelne Menschen das Leben und diese Erde eben nicht im Griff haben, sehr wohl aber durch unsere Art zu leben in die gute Ordnung des Lebens eingreifen, die uns am Leben erhält. Gäbe es ohne die klimawirksamen Eingriffe des Menschen solch starke Stürme wie den Hurrikan Irma?

Ohnehin ist der Monat November von der Vergegenwärtigung des Vergänglichen geprägt. Die Natur zieht sich zurück, die Blätter liegen auf dem Boden; das Tageslicht wird von Tag zu Tag spürbar kürzer, am Ende des Monats die beiden letzten Sonntage des Kirchenjahres, die die Vergänglichkeit und die lebensbedrohliche Seite des Menschseins bedenken: Zum einen der Volkstrauertag, der neben dem Gedenken der Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Willkür zu einem Tag der Mahnung zu Versöhnung, Verständigung und Frieden geworden ist. Zum anderen der Ewigkeitssonntag, an dem wir insbesondere der Verstorbenen des vergangenen Jahres gedenken – dann werden die Gräber für den kommenden Winter vorbereitet, und es brennen die Zeichen der Hoffnung auf das ewige Licht bei Gott auf den Gräbern. Trotz dieser Hoffnung wird dieser Monat November für manche Menschen zur Anfechtung ihres Lebens, weil sie sich in der Konfrontation mit der Vergänglichkeit des Lebens auseinandersetzen müssen. Und manchmal brechen längst vernarbte Wunden wieder auf. Manch eine /einer mag dann von Gott nichts mehr wissen. In diesen Monat herein spricht Gott: „Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.“ Bei Ezechiel sind das heilvolle Worte nach der Erfahrung großen Unheils für sein Volk Israel. Eines Unheils, dessen Beschreibung sich der Prophet in vielen Kapiteln seines Buches widmet. Es ist ein Unheil, das sich auf die Entfremdung des Menschen von Gott und seiner guten Ordnung gründet. Das ist für Ezechiel keine Frage.

Genau so wenig aber ist es für Ezechiel eine Frage, dass das nicht Gottes letzter Ratschluss ist. Das Unheil ist nicht der finale Plan Gottes für den Menschen, der auf ihn hofft. Gottes finaler Plan sieht anders aus: Der ist von seiner Nähe zu den Menschen geprägt; mitten unter ihnen will er wohnen; sein Frieden soll auf sie ausstrahlen, er will sie erhalten als seine Kinder. Als die Gemeinschaft seines Namens, die sich auf ihn verlassen kann und verlassen soll. Sein Versprechen ist es, dass er ihnen den Weg zum Leben zeigt: „Ich will sie retten von allen ihren Abwegen...“ so können wir es ein paar Verse vorher bei Ezechiel lesen.

Es klingt in meinen Ohren wie die Verheißung seines Advents, der uns Orientierung, Nähe und Güte entgegenbringt. Orientierung, Nähe und Güte, die wir immer wieder brauchen, wenn wir uns darauf einlassen, dass wir Menschen als Einzelne nur ganz wenig selbst in der Hand haben. Orientierung, Nähe und Güte, die uns Gott schenkt und verheißt, seit Jahrtausenden und alle Jahre wieder, aber auch schon im November des Jahres 2017.

Ihr Pfr. Roland Wieloch