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Evangelische Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade

Monatsspruch Juni

Monatsspruch

Liebe Gemeinde,

schon klar, wenn ein Auftrag von Gott persönlich kommt, wird er befolgt, mit oberster Priorität. Etwa so, wie bei Mose oder Elia. „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Wenn es denn nur so einfach wäre mit dem göttlichen Willen und Gebot! Der Monatsspruch ist leichter gesagt als getan, leichter aufgesagt als aufgetan, das heißt: nachvollziehbar gemacht. Schon die Formulierung gibt mehr Fragen als Antworten: An welche Anweisungen Gottes ist hier gedacht? Und welche Menschen sind als Gegenspieler gemeint? Gilt die Aussage so ganz allgemein? Und was bedeutet die Relation „mehr als“? Sollte man Gott nicht ganz und gar gehorchen?

Ein Blick in das 5. Kapitel der Apostelgeschichte lohnt sich, in eine spannungsgeladene Episode kurz nach dem Pfingstwunder. Durch Petrus und die anderen Apostel breitete sich die Predigt vom Auferstandenen wie ein Lauffeuer aus. Die tonangebenden Vertreter der althergebrachten Lehre versuchen jedoch, die Prediger des neuen Weges mundtot zu machen, indem sie sie ins Gefängnis stecken. Ihre Botschaft kann allerdings nicht aufgehalten werden: Ein Engel greift ein, der die Befreiung der Botschaft bewirkt, während doch die Gefängnismauern und Tore der alten Überzeugung unverrückt bleiben. Die neue Botschaft, die sich Bahn bricht und viele Menschen trifft, bewegt und verändert, ist unaufhaltsam. Das macht den Vertretern des Alten Angst. Ihre Selbstsicherheit ist so brüchig geworden, dass sie sich nicht trauen, ihre Ansprüche mit Gewalt durchzusetzen; sie lassen sich stattdessen auf eine Diskussion ein.

Auf die Frage, warum Petrus und die Apostel ihre Verkündigung im Namen Jesu nicht unterlassen haben, wie ihnen geboten worden war, antwortet Petrus mit einem Gewissensgrundsatz: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“, und fügt noch einen Kurzabriss der österlichen Heilsgeschichte an. Übersetzt bedeutet das: In der Begegnung mit Jesus und im Ereignis der Auferstehung hat sich eine Wahrheit über Gott erschlossen, die der Heilige Geist bezeugt, und im Lichte dieses Ereignisses erschließt sich für alle, die von ihm erfasst werden, ihre eigene Existenz neu. Sie können nicht anders, als entsprechend dieser neuen lebensbestimmenden Wirklichkeit zu handeln und zu reden. Ihr Gewissen nötigt sie.

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders, so wahr mir Gott helfe. Amen.“ So sprach der Legende nach Martin Luther auf dem Wormser Reichstag 1521, als er aufgefordert wurde, seine reformatorischen Schriften zu widerrufen. Die historisch besser abgesicherte Überlieferung lautet etwas ausführlicher: „Wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse und klare Vernunftgründe überzeugt werde, so bin ich durch die Stellen der Heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen.“ Sein Gewissen zwingt ihn, dem zu gehorchen, was er als Wahrheit erkannt hat – mehr als dem Papst, dem höchsten aller Menschen seiner Zeit.

Aber nun: So einfach ist das nicht mit dem Gewissen und den Gewissenskonflikten, den widerstreitenden Bindungen, in denen wir stehen. Die Stimme des Gewissens ist eben nicht immer eindeutig, oft hemmt es uns. Wie oft beißt uns das schlechte Gewissen! Was sollen wir tun, was sollen wir lassen? Mit dieser Not hat auch Dietrich Bonhoeffer gerungen: Das Gewissen fordert die Vermeidung der bösen Tat, es ist ganz ich-bezogen – was aber ist geboten, dass man es tut, für die anderen? Bonhoeffer fühlte die Verantwortung und entdeckte das „befreite Gewissen“, das sich mit der Rückendeckung durch Jesus Christus für den Nächsten und seine Not weit öffnet. Man muss der Verantwortung mehr folgen als dem schlechten Gewissen?

Das  befreite Gewissen raunt dir mit sanfter Entschlossenheit ins Ohr: „Du kannst mit Gottes Hilfe Gutes tun für die Menschen.“

Ihr Vikar Tilman Reger

 

Zum Weiterlesen: Apostelgeschichte 5, 12-42

„Aufstand des Gewissens“ von Christiane Tietz (2007), ein Vortrag über den Gewissensbegriff bei Luther und Bonhoeffer, www.ev-akademie-boll.de