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Evangelische Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade

Monatsspruch Mai

Monatsspruch

Liebe Gemeinde,
ich hoffe, Sie hören jeden Tag viel freundliche Rede!

"Allezeit freundlich", das können wir ja heute von vielen Reden, die uns zu Ohren kommen, leider nicht sagen. Oft geht es rauer zu: Einer oder eine wird mit Worten niedergemacht. Jemand versucht seine eigene Position zu stärken, indem er anderen die nötigen Fähigkeiten abspricht. Ausgrenzung mit Worten scheint etwas, was uns schneller über die Lippen kommt, als freundliche, anerkennende und gewinnende Worte.

Offensichtlich war das zur Zeit der ersten Christengemeinden auch nicht anders. Sonst hätte der Apostel an die Christen in Kolossä nicht diesen Hinweis zum freundlichen Reden miteinander geschrieben.

Wahrscheinlich ist es schon immer so gewesen, und es ist leider noch immer so: Einfacher scheint es, jemandem mit gepfefferten Worten die eigene Meinung um die Ohren zu hauen und den anderen damit möglichst sprachlos zu machen, als freundlich und respektvoll auch dem zu begegnen, der eine andere Meinung vertritt oder vieles einfach anders macht als ich. Wer andere mundtot macht, fühlt sich als vermeintlicher Sieger und denkt wohl: ‘Ich habe recht, der andere ist im Unrecht, denn der hat ja keine Worte mehr.‘ Dabei ist es doch eher so: Wer anderen seine Meinung in geringschätzender oder gar verletzender Weise – eben mit gepfefferten Worten – aufzwingen will, versucht sich auf Kosten anderer stark zu fühlen.

Aber ich möchte deswegen nicht dazu raten, alle Meinungsverschiedenheiten einfach unter den Teppich zu kehren oder überhaupt mit der eigenen Meinung hinter dem Berg zu halten.

Das hat Jesus auch nicht getan. Aber er hat anders geredet, gerade auch wenn es um Kritik ging. Er verurteilte wohl manche Tat, aber meist nicht den Täter. Und dabei brachte er nie zum Ausdruck, dass er besser oder überlegen sei. Wer sich selbst nicht ständig als überlegen darstellt, der redet auch vorsichtiger und behutsamer, deswegen aber doch nicht weniger klar, gerade auch wenn kritische Worte zu sagen sind.

Ja, mit Salz muss unser Reden schon gewürzt sein. Salz ist lebensnotwendig. Und ohne Salz wäre alles fad. Zuviel Salz ist aber auch ungesund. So müssen wir mit dem Salz behutsam umgehen, auch mit dem Salz bei unserem Reden.

Es ist schon richtig, andere auch auf ihre Fehler aufmerksam zu machen, aber das geht auch, ohne sich selbst dabei als tadellos hinzustellen - als könnte mir das nicht passieren, als könnte ich mich nicht auch mal irren.

Sicher, dazu brauchen wir Fingerspitzengefühl auf der Zunge – genauso wie wir Fingerspitzengefühl brauchen beim Salzen von Speisen. Wenn ich das Salz einfach so reinschütte in die Suppe, wird’s am Ende wahrscheinlich ungenießbar sein. Wenn ich einfach so lospoltere mit meiner Kritik, ist mein Reden für andere wahrscheinlich auch ungenießbar.

Es mag schwer fallen, die eigene Zunge im Zaum zu halten, wenn ich Dinge sehe, die meiner Meinung nach so ganz und gar falsch sind. Wenn ich aber will, dass mein Reden gehört und angenommen wird, dann muss ich vielleicht einmal tief Luft holen, meine Worte in Gedanken noch einmal ordnen und mich um Freundlichkeit bemühen. Und dann wünsche ich uns dabei noch etwas von dem, was Jesus konnte: Verzicht auf Besserwisserei. Ich bin nicht besser, nur weil ich den Fehler des anderen gerade bemerkt habe. Wer weiß: Ein andermal werde ich vielleicht diejenige sein, die einen Fehler macht und doch auf freundliche Worte hofft.

Ihre Dagmar Heine