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Evangelische Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade

Monatsspruch März

Monatsspruch

Liebe Gemeinde, 
Nach einem ersten Lesen klingt es so, als müsse man sich sein Leben lang der Generation der Väter, Mütter und Großeltern unterordnen. Aber wie soll man da erwachsen werden und Verantwortung für die Welt übernehmen, wenn die Generationen der grauen Häupter in ihrem Verständnis immer noch „die Zügel“ in der Hand behalten wollen?

Ich denke an die Generationskonflikte, die es anscheinend immer schon gab. Ich denke an unsere Zeit, wo diese Konflikte an politischer Brisanz gewinnen, wenn ich nur an das Rentensystem denke. Ist sie mit diesem System noch bezahlbar?

Besitzstandswahrung spielt eine große Rolle, wenn es heute um notwendige Umverteilungen geht. Welchen Anspruch kann ich wirklich durchsetzen?

„Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen“. Natürlich erwarte ich von jungen Menschen den Re
spekt gegenüber dem Alter. Gerade in öffentlichen Verkehrsmitteln vermisse ich diesen oft. Doch in der Zeit, als diese Worte aufgeschrieben wurden, gab es noch keine Busse oder Bahnen.

Also schlage ich die Bibel auf und lese im 19. Kapitel viele Gebote für einen heilvollen Umgang der Menschen im täglichen Leben. Ich denke an die 10 Gebote. Und wenn man Vers 2 und 18 verbindet, dann klingt das Doppelgebot Jesu an: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR euer Gott. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst: ich bin der HERR.“

Erst am Ende des Kapitels, als die Beziehung zum Nächsten, zur Partnerin sowie den Kindern näher bestimmt sind, wird von den „Alten“ gesprochen.

Sitze ich zu Tisch? Bete ich im Tempel oder einer Synagoge? Sitze ich an meinem Arbeitsplatz? Oder bin ich zu Hause und suche die Ruhe? Auf jeden Fall soll ich mein geschäftiges Handeln unterbrechen und aufstehen, wenn ein älterer Mensch mir begegnet. Und ich denke an Knigge, für den es eine Frage von Höflichkeit ist, zur Begrüßung aufzustehen. Wie kann ich die „Alten“ ehren?

Ich erinnere mich der „Silberrücken“ unter den Gorillas im Zoo. Sie behalten das Sagen in ihrer Sippe. Ich denke an meine Oma, die die Familie zusammenhielt über alle Unterschiedlichkeit hinweg.

Und ich sehe in den Medien moderne Erfindungen von jungen Menschen, sehe Menschen im Klimakampf, höre von neuen lebensrettenden Medikamenten und suche Verständnis für diese alten Worte aus dem 3. Buch Mose. Die „Zügel“ lassen? Was bleibt, bei aller Geschäftigkeit, aller Forschung, allem Wandel? Was bleibt bei aller Härte der Arbeit und allen notwendigen Veränderungen?

Bei aller Ehre, die wir den „Alten“ entgegenbringen können, ist es die Liebe, aus der wir erwachsen wurden. Ehren kann ich die Leistung, die Macht oder die Liebe des Anderen. Die Liebe bleibt, wo alle Erkenntnis und alle Macht und alles Wissen vergangener Zeiten überholt ist. Die Liebe bleibt tragender Grund, auch wenn die Verantwortung der einstigen Macht längst abgegeben ist. Und wenn die Kraft zum Machen nachlässt, dann ist es die Liebe, die bis in den Tod wächst. Gott möchte von uns, dass wir diese Liebe ehren. 

Ein Stück entdecke ich die Passionszeit wieder, die den März bestimmt. Die Macht Jesu verliert, aber die Liebe wächst zu einer Kraft, die dem Tod die Macht nimmt. Die Kraft der Liebe Gottes ist es, die mich Fürchten lehrt. Über unsere Eltern wurde sie an uns weiter gegeben. Und wir dürfen sie weitergeben an unsere Kinder und Nächsten. Die Liebe geht nicht verloren, wo doch alle Macht einmal ein Ende hat. Wir werden erwachsen und suchen für unser Tun die Anerkennung der „Alten“. Die Liebe wird zur Brücke. Und dieses Geschenk zu ehren, wird zum Frieden zwischen den Generationen.

Ihr Pfr. Markus Sehmsdorf