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Evangelische Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade

Monatsspruch Dezember

Monatsspruch

Liebe Gemeinde, 
ich kann mir gut vorstellen, wie sehr die Wächter in früheren Zeiten den Morgen herbeigesehnt haben. Über der Stadt eine himmlische Ruhe. Niemand, der auf der Straße zu sehen ist, außer vielleicht ein umherstreunender Hund. Große Dunkelheit, nur der Mond und die Laterne in der Hand bringen etwas Licht. Abwechslung gibt es nicht. Aber von den Wächtern ist ein aufmerksamer Blick gefordert: lodert irgendwo ein Feuer auf? Droht jemand die Stadt zu überfallen? Einschlafen dürfen die Wäch
ter nicht, sie müssen sich wachhalten. Ablenkung gibt es keine: kein Buch, kein Handy, keine Zeitung. „Wann geht endlich die Sonne auf?“- das werden sich die Wächter oft gefragt haben.

Warten kann langweilig sein. Warten kann an den Nerven zehren, z.B. wenn das Wartezimmer beim Arzt wieder voller Menschen ist. Warten kann spannungsvoll sein: „Fällt das entscheidende Tor noch – oder verpassen wir den Titel?“. Warten kann voller Vorfreude sein: das sehen wir bei den Kindern in der Adventszeit. „Wann ist endlich Weihnachten? Wie oft muss ich noch schlafen?“ Kinder freuen sich besonders über die besondere Atmosphäre der Advents- und Weihnachtszeit und über die vielen Bräuche, die dazugehören. Einer dieser Bräuche, der das Warten aufgreift, ist der Adventskranz. Weil Johann Hinrich Wichern im Rauhen Haus in Hamburg von den Kindern immer wieder die Frage hörte: „Wann ist Weihnachten?“ – machte er dies für die Kinder 1839 anschaulich: große weiße Kerzen markierten die Adventssonntage, kleine rote Kerzen die übrigen Tage.

Die Adventszeit ist eine Zeit des Wartens. Wir warten auf das Kommen des Herrn. Bei uns zu Hause stellen wir das mit unserer Krippe nach. Zuerst ist da nur eine leere Krippe in einem leeren Stall – nur einige Tiere befinden sich dort. Der wandernde Josef und die schwangere Maria auf dem Esel machen sich auf den Weg und kommen dem Stall immer näher. Heilig Abend liegt dann das Christuskind in der Krippe, der Stern wird am Stall befestigt. Daneben verkündet der Engel den Hirten die frohe Botschaft der Geburt des Retters. Auch sie kommen zur Krippe, während die drei Weisen erst aufbrechen.

Advent und Weihnachten ist eine stimmungsvolle Zeit. Wir feiern dies aber in einer zerrissenen Welt. Krieg und Leid gibt es an zu vielen Orten. Werden die politisch Verantwortlichen es schaffen, Wege des Friedens und der Gerechtigkeit zu gehen? Wohin steuert unsere Welt? „Gott, wo bist du?“ fragen viele. „Meine Seele wartet auf den Herrn“, sagt der Beter des 130. Psalms. Dieses Warten verstehe ich nicht als ein passives Warten. Es geht nicht darum, die Hände in den Schoß zu legen. Und es wäre falsch, den Kopf in den Sand zu stecken angesichts der vielen Schreckensnachrichten.

In diesem Monat feiern wir das 60jährige Jubiläum unserer Dietrich-Bonhoeffer-Kirche und erinnern uns in mehreren Veranstaltungen an den Namensgeber unserer Kirche. Dietrich Bonhoeffer schöpft aus seinem Glauben die Kraft dafür, dem Rad in die Speichen zu fallen, in der Zeit des Nationalsozialismus Widerstand zu leisten. Dieser Weg führt ihn ins Gefängnis. Dort schreibt er: „Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hoch zu halten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt. […] Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“ (aus: Widerstand und Ergebung).

Seinen Briefen ist abzuspüren, dass der Glaube ihm festen Halt schenkt inmitten größter Anfechtung. Folgenden Gedanken führt er in der Advents- und Weihnachtszeit dazu aus. Am 17.12.1943 schreibt er aus dem Gefängnis in Tegel: „In solchen Zeiten erweist es sich eigentlich erst, was es bedeutet, eine Vergangenheit und ein inneres Erbe zu besitzen, das von dem Wandel der Zeiten und Zufälle unabhängig ist. Das Bewusstsein von einer geistigen Überlieferung, die durch die Jahrhunderte reicht, getragen zu sein, gibt einem allen vorübergehenden Bedrängnissen gegenüber das sichere Gefühl der Geborgenheit.“ (aus: Widerstand und Ergebung)

Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen diese Advents- und Weihnachtszeit zur Kraftquelle wird.

Ihre Pfn. Juliane Göwecke