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Evangelische Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade

Monatsspruch Juli

Monatsspruch

Liebe Gemeinde,

wenn man mittendrin ist im Geschehen, dann fehlt einem schon mal der nötige Überblick. Von mittendrin aus betrachtet, ist Weitsicht eher selten anzutreffen. Bei Angelegenheiten, die einen selbst betreffen, mangelt es zudem gerne mal an Einsicht. Da hilft oft ein freundschaftlicher Blick von außen, der mit erfrischender Nüchternheit und dem nötigen Abstand die Dinge ins rechte Licht rückt. Oder ein Fingerzeig, der unseren eigenen Blick ein wenig lenkt, vielleicht die Brille etwas hochschiebt, dass auch wir die richtige Schärfe für den Durchblick zurückgewinnen.

Im Monatsspruch befinden wir uns mittendrin. „Der Herr gab zur Antwort“ und wir wissen noch gar nicht, worum es eigentlich geht. Ich möchte den vorausgehenden Satz nachreichen: „Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ Ein Wunsch, der nur allzu verständlich ist, spricht doch Mose mit dem Herrn wie ein Mann mit seinem Freund redet (2.Mose 33,11). Nun möchte Mose ihm auch einmal gegenüber stehen. Sehen mit den eigenen Augen heißt wissen, mit wem ich es zu tun habe. Doch muss Mose dieser Wunsch versagt bleiben, weil kein Mensch dem Blick Gottes standhalten kann, solang er auf der Erde wandelt. Dennoch antwortet der Herr und gibt von sich preis, was einem Menschen zu erkennen möglich ist: Mose verbirgt sich in einer Felsspalte, blickt hinterher, wenn der Herr vorübergezogen ist, und erhascht so einen flüchtigen Blick auf die Schönheit des Göttlichen.

Moses Begegnung mit dem Herrn höchstpersönlich kann auch für unsere Gottesbeziehung viel aussagen:

Im Alltag, wenn wir mittendrin sind, nehmen wir selten Notiz von diesem Göttlichen, das doch zu jeder Zeit um uns herum ist. Trotzdem bitten wir um Seine Nähe, denn wir wissen, dass sie uns guttut. Dazu braucht es dann meistens den Rückzug in die Natur, an den eigenen Kraftort oder in eine Andacht in der Kapelle.

Schwierig ist es, dem Blick standzuhalten auf das, was da auf uns zukommt. Der Zukunft können wir nicht ins Angesicht sehen. Und vermutlich ist das auch ganz gut so, denn wie sollten wir heute leben, wenn wir wüssten, was die Zeit noch für uns bereit hält? Wie sollten wir diesen Tag ohne Sorge beginnen, würden wir ahnen, was uns schon morgen vielleicht bevorsteht?

Was uns aber möglich ist, das ist der Blick nach hinten. In der Rückschau über die eigene Schulter haben wir die Chance, einen flüchtigen Blick zu werfen auf den Einfluss des Herrn in unserem Leben. Wir erkennen hier und dort Spuren, die Er in unserem Leben hinterlassen hat und kleine Korrekturen, wo Er uns wieder in die Spur gebracht hat. Wir sehen unscharf, die Konturen sind nicht klar gezeichnet und verschwimmen immer mehr, je weiter wir uns der Gegenwart und der Zukunft nähern. Wo hält Gott die Fäden fest in seiner Hand und wo lässt er sie lockerer? Wo lasse ich mich fallen in seine Hand und wo versuche ich selbst, das Heft in der Hand zu halten?

Und dennoch können wir das Leben nur nach vorne leben. Ungewiss, aber mittendrin geleitet und begleitet. Was bleibt, ist das Wort des Herrn, das Er uns mit auf den Weg gibt: Ich gewähre meine Gnade und mein Erbarmen, wem ich will.

Ihr Arne Warthöfer, Vikar