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Evangelische Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade

Ansprachen zum Richtfest

Zur Erinnerung an unseren Kirchbau in Berlin-Lichtenrade
Dankgottesdienst beim Richtfest am 22.8.1948 in der Alten Dorfkirche Lichtenrade

Ausgegeben anlässlich der Glockenfeier am 19. Dezember 1948

Eingangslied: Ein' feste Burg ist unser Gott ...
 "Wo der Herr nicht das Haus bauet, so arbeiten umsonst, die daran bauen." Psalm 127,1
Kirchenchor: Nun preiset alle Gottes Barmhezirzigkeit ...
 "Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!" Psalm 84, 2
Gemeindegesang:Großer Gott, wir loben dich ...

Ansprache Pfarrer Dr. Dittmann

Gehet zu seinen Toren ein mit Danken,
zu seinen Vorhöfen mit Loben;
danket ihm, lobet seinen Namen.

Liebe Gemeinde!
Der Kirchbau ist begonnen. Wozu brauchen wir eigentlich eine Kirche? Zur Verschönerung unseres Stadtbildes? Als Symbol unserer Frömmigkeit? Ist sie nicht, werden manche bedenklich sagen, ein überflüssiger Luxus in einer Zeit, da Tausende und Abertausende keine rechte Wohnung haben? - "Gehet zu seinen Toren ein mit Danken!" ruft uns das Psalmwort zu .Um Gott danken zu können, soll diese Kirche wieder gebaut werden, denn um Gott danken zu können, muss man ihn und sein Regiment über unserem Leben kennen, gerade auch in dieser Zeit der Schmerzen, Sorgen und Ängste. Gott will hier in diesem Haus mit uns reden, darum brauchen wir unsere Kirche; darum gehen wir heute in diesen begonnenen Wiederaufbau hinein als Gemeinde. Das ist die große Gabe, für die wir heute danken wollen, dass Gott mit uns Menschen redet, dass er sich nicht unbezeugt lässt, dass er nicht schweigt, wie wir über unserem Erleben oftmals meinen erkennen zu müssen.

Hört! Der Herr ruft! Er ruft uns durch Jesus Christus, indem er nicht der Ferne, Unkennbare bleibt, das unberechenbare Schicksal über unserem Lebensweg, sondern unser Bruder wird und damit uns rettet. Sein Wort wird in aller Dunkelheit unseres Lebens das Licht auf unserem Wege. Und damit dieses Licht leuchte, weit hinein leuchte, vielen voran leuchte, soll diese Kirche wieder gebaut werden. Damit dieses Wort gehört wird, von vielen gehört wird in unserer Gemeinde. Dieser angefangene Wiederaufbau unserer Dorfkirche soll uns sagen, dass Gott mit uns Lichtenradern wieder anfangen will nach all dem Versagen, nach all unserer Schuld und Not. Dieser Bau will uns sagen, dass Gott eine ganz neue Möglichkeit für uns schafft, das Wort Gottes besser hören zu können als in den engen Räumen bisher. Diese Kirche soll der Ort sein, an dem uns allen der so bitter nötige Trost von Gottes Wort her gesagt wird. Hier soll uns Gottes Gebot vor Augen gehalten werden, damit wir den Weg nicht verfehlen. Wir hatten ja in der Vergangenheit Wohnungen und Häuser; wohl fast jeder von uns hatte seine Wohnung und sein Auskommen. Wir hatten auch Kirchen in unserer Stadt, viele Kirchen; aber vielleicht haben unsere guten Wohnungen uns daran gehindert, das Haus Gottes aufzusuchen, um in ihm das Wort des Lebens zu hören. Vielleicht haben wir darum den Weg des Lebens versäumt und haben uns auf einen Weg bringen lassen, der uns nun vor zerstörte Häuser und Wohnungen und vor zerstörte Kirchen stellt.

In alter Zeit wurde im allgemeinen als erstes in einer Neuansiedlung die Kirche gebaut und damit hingewiesen auf das eine, was Not ist: das ewige Wort des lebendigen Gottes sollte von Anfang an in das tägliche Leben hineingehört werden und Weisung schenken. So mag denn in einer Zeit, in der es an Wohnungen gebricht -wenn gleich wir in Lichtenrade noch gut dran sind- der Bau dieser Kirche doch berechtigt sein. Es soll uns an das eine mahnen, das wichtiger ist als alles auf dieser Erde; denn was nützen uns die Wohnungen und Häuser, wenn in ihnen Zwietracht und Hass herrschen, wenn Betrug, Sorge und Angst in ihnen geboren werden. Erst dann werden wir Segen von unseren Häusern haben, wenn wir uns zurufen lassen: "Lasset euch versöhnen mit Gott!" und wenn unsere Stadt, wenn unser Land und die Völker das Wort des Herrn aller Herren hören.

So, liebe Gemeinde, soll diese Kirche, die wir wieder aufbauen in schwerster Zeit und bedrängter Lage, uns aus aller Bedrängnis, Angst und Not auf das eine weisen, an dem wir Halt, Trost und Wegweisung haben; an das Wort unseres Herrn Jesus Christus. Und wenn uns das Psalmwort auffordert: "Gehet zu seinen Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben, danket ihm, lobet seinen Namen!", so möchten wir uns nun auch heute zum Dank aufrufen lassen, dass Gott uns trotz aller unserer Verfehlungen und Schuld, trotz allem, was unter uns geschehen ist und geschieht, nicht verlassen will. Das ist wirklich Grund zum Dank! Niemals aber handelt es sich bei den Worten der Heiligen Schrift um eine Redensart, immer handelt es sich um eine Tat und einen Einsatz. So soll auch dieser Dank keine Redensart in dieser Stunde sein.

Diese unfertige Kirche, durch deren Dach es noch regnet, deren Wände noch kahl sind und die Zeichen der Zerstörung noch an sich tragen, durch diese unfertige Kirche soll uns allen die Möglichkeit gegeben, ja sollen wir gemahnt werden, recht zu danken. Gott ist in Christus Mensch geworden und hat uns durch seinen Tod errettet. Darum kann der Dank, den wir ihm abstatten, nicht in ein paar billigen Worten bestehen. Der rechte Dank Gott gegenüber ist ein Opfer des ganzen Menschen. Dass wir nicht mehr uns selbst gehören, sondern uns mit unserem ganzen Menschsein, mit unserem ganzen Leben dem Herrn anvertrauen und ergeben.
Der rechte Dank darf und muss mit der Tat geschehen. Diese Tat, zu der wir uns heute aufrufen lassen wollen, soll darin bestehen, dass wir weiterbauen, das Dach auf diese Kirche setzen, Bänke hineinbauen, und damit die Möglichkeit schaffen für uns und unsere Kinder und Kindeskinder, in unserem Ort das Wort des Herrn zu hören. Das Opfer, das von euch allen heute erbeten wird, ist in erster Linie ein geldliches Opfer. Unser Dank Gott gegenüber wird dadurch eine Bekräftigung erhalten, dass wir verstanden haben, welche Verantwortung wir tragen vor Gott und unserer Gemeinde, dass ja das Wort des Herrn vielen zugänglich werde, und dass deshalb dieses Gotteshaus fertiggestellt werden muss. So lasset uns, liebe Gemeinde, die Aufforderung des Psalmisten hören als Menschen, die bereit sind, für die Sache des Herrn aller Herren, die ja unsere Sache, unser Leben, unsere Rettung bedeutet, zu opfern: "Gehet zu seine Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben. Danket ihm, lobet seinen Namen.
 Amen

Ansprache Pfr. Schmidt

Nach vielen Bemühungen ist es nun endlich gelungen, mit dem Wiederaufbau unserer alten, durch den Krieg zerstörten Dorfkirche zu beginnen, und nun steht zur eigenen überraschung der Dachstuhl schon da. Wir haben gestern mit den Bauhandwerkern das Richtfest gehalten. Es war die Bauherrschaft vertreten durch die Baukommission. Aber die Bauherrschaft ist ja die ganze Gemeinde. Darum ist heute die ganze Gemeinde in die halb fertige Kirche eingeladen, und es sind auch Vertreter der Bauhandwerker unter uns. Sie sollen wissen, wie es mit unserer Kirche steht. Es ist uns ein Anliegen, Ihnen all die vielen Sorgen, die wir noch haben, sagen zu dürfen, um Ihre Mitarbeit und Hilfe zu bitten und Ihnen sehr herzlich zu danken für alle Gaben, die wir bisher empfangen haben. Es ist uns aber auch ein Anliegen, Sie an all der Freude teilhaben zu lassen. Es sind auch so manche Fragen an uns Pfarrer und Kirchenälteste herangetragen worden über die Kirche und ihre Geschichte, sowie über die Pläne, die für den Wiederaufbau bestehen.

Zuerst ganz kurz etwas über das Alter der Kirche. Wir wissen nicht genau das Erbauungsjahr, nicht einmal das Jahrzehnt. Man kann nur nach gewissen Merkmalen der Bauart schließen, dass es zwischen den Jahren 1200 und 1300 gewesen sein muss. Darauf weist der Stil der Fenster hin. Es ist gut, dass wir die Kirche einmal so halbfertig sehen, ohne Putz; da ist von innen her zu erkennen, dass die Fenster früher anders gewesen sind, viel schmaler. Wir wissen nicht, wie viel es waren. Die Bogen lassen einen übergang zwischen dem romanischen und gotischen Baustil erkennen. Für das Alter der Kirche haben wir einen weiteren Anhaltspunkt: eine alte Glocke, die bis zum Kirchenbrand im Turm hing und während der beiden Kriege von der Ablieferung verschont blieb, trug die Inschrift: "Veni rex gloriae cum pace" - Komm du König der Herrlichkeit, mit deinem Frieden! Diese Glocke ist beim Brand leider abgestürzt. Wir haben ihre Reste erst vor wenigen Wochen dem Glockengießer zur Verarbeitung übergeben. Ihr Ursprung muss zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert gewesen sein.

Wann ist überhaupt der Ort Lichtenrade gegründet worden? Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes Lichtenrade geschieht spät, im Jahre 1375. Aber natürlich ist Lichtenrade viel, viel früher angelegt worden. Wir haben gerade in der Kirche und Glocke einen Hinweis für das Alter des ganzen Dorfes. Es ist mir nicht möglich, hier die ganze Geschichte des Ortes darzulegen, ich muss mich auf den Kirchenbau beschränken, und auch da nur die wichtigsten Daten erwähnen.

Zwei Bilder - nicht von dieser Glockenfeier, sondern vom Aufzug unserer "heimgekehrten" großen Glocke.
Vor der Kirche das Fuhrwerk der Kohlenhandlung Jaentsch

1769 wurde an der Kirche manche Veränderung vorgenommen, die schmalen Fenster wurden zugemauert, denn sie gaben wenig Licht. Ganz neue Fenster wurden eingebrochen, die heute noch vorhanden sind. Die alte Kirchentür wurde zugemauert, auch sie ist noch zu erkennen. Es wurde die neue Tür gebaut, die zur Sakristei führt. Die Sakristei stand damals noch nicht. Die Tür führte direkt ins Freie.

1810 kam eine neue Veränderung. Der Kirchturm war baufällig geworden, man musste den oberen Teil entfernen. Man ließ den Sockel stehen und hoffte, bald einen neuen Turm aufbauen zu können. Das gelang nicht. Es waren schwere Zeiten Anfang des vorigen Jahrhunderts, und es fehlte an Geld. Schließlich brach ein Stück nach dem anderen ab, und endlich war der Turm ganz dem Erdboden gleich. Aber es schwieg nicht die Sehnsucht nach einem neuen Turm.

1847 entfernte man die Reste des alten Turmes, und weil das Geld nicht reichte, setzte man einen Dachreiter auf das Dach. Von diesem Zustand haben wir noch ein Bild, und manch alter Lichtenrader kann sich daran noch erinnern.

1902 wurde der jetzige Turm errichtet und die Sakristei angebaut.

Das Jahr 1922 brachte dann eine weitere änderung: die alte Balkendecke des Kirchenschiffes, die so ähnlich gewesen sein mag wie die neue über uns, wurde entfernt. Man wollte eine größere Orgel aufstellen und baute darum ein Tonnengewölbe ein, nicht ein echtes Steingewölbe, sondern eine Bretterverschalung.

1935 war schon wieder eine Restauration der Kirche nötig. Die Bemalung war schlecht geworden, es musste manches erneuert werden.

Ganz links: Herr Gebert aus dem Bauernhaus
gegenüber, ganz rechts Pfr. Dr. Dittman,
links von ihm Pfr. Schmidt

1943 kam der Kirchenbrand. Nachdem Anfang Dezember schon einmal das Gotteshaus getroffen war, und die Schäden notdürftig ausgeflickt werden konnten, ging am 29. Dezember 1943 dieses ehrwürdige Gotteshaus ganz in Flammen auf, und nun haben wir mit Gottes Hilfe den Wiederaufbau beginnen können. Es stand bei uns fest: wir wollen stark den alten Zustand beibehalten, bzw. wiederherstellen, es sollte möglichst wenig geändert werden. Einige Änderungen haben sich dann doch ergeben, so z.B. die Bedachung des Turmes. Wir haben den Plan, dem Turm ein Satteldach zu geben wie bei den meisten alten märkischen Dorfkirchen. Dem Kirchenschiff soll eine flache Decke eingezogen werden. Die Balken bleiben sichtbar, es kommt darüber eine Verschalung, man wird aber den größten Teil der Balken sehen. Das Dachgestühl wird natürlich nicht zu sehen sein. Damit nun aber doch wieder eine Orgel Platz habe, und die Kirche genügend hoch ist, haben wir die Seitenmauern etwas erhöht. Nach außen ist die Erhöhung nicht ganz so stark wie nach innen. Die Kirchenmauern sind ungewöhnlich dick, daher gelang es unserem Architekten, dieselbe Lage des Daches beizubehalten. Von außen wird also der alte Eindruck erhalten bleiben. das sind die wichtigsten Änderungen.

Noch ein Wort zur pekuniären Lage:
Wir hatten in den letzten Jahren für den Kirchenbau gespart und einen großen Teil dieses Geldes noch rechtzeitig verwenden können und manches noch angeschafft, was für die weiteren Bauabschnitte gebraucht wird. Doch ist uns durch die Währungsreform noch manches verloren gegangen, und der Gemeindekirchenrat stand vor der ernsten Frage, ob er es wagen dürfe, den Kirchenbau weiterzuführen. Von entscheidender Stelle wurde uns gesagt: ihr müsst aufhören, es geht nicht mehr, wir können keine Zuschüsse geben. Aber wir wollen nicht aufhören! Wir vertrauen auf Gott und wenden uns auch an die Gemeinde und ihre Liebe. Wir glauben bestimmt, dass sie uns nicht im Stich lassen wird, sondern bereit ist, für ihre Kirche zu opfern. Gott wird sie dafür segnen.

Wir haben einen Antrag gestellt, dass wir eine Sammlung mit Listen von Haus zu Haus für den Bau der Kirche vornehmen dürfen. Sammler werden durch die Gemeinde gehen und Gaben für dieses Werk erbitten.

Zum Schluss ein Wort zu den Glocken: Wo sind Glocken, die noch nie ihren Dienst auf einem Kirchturm getan haben, obwohl sie gar nicht mehr ganz jung sind. 1936 hat sie ein Glockengießer gegossen, ohne einen Auftrag dazu zu haben. Es sollten 3 Glocken werden. Der Guss der 3. Glocke verzögerte sich durch mancherlei Schwierigkeiten, die auch in der Vorkriegszeit groß waren. Der Glockengießer, als Angehöriger einer alten Glockengießerfamilie, wusste, wie viele Glocken dem vorletzten Kriege zum Opfer gefallen waren. Er hat deshalb die beiden Glocken bei Beginn des letzten Krieges vergraben. Nach dem Kriege hat er sie uns dann angeboten. Der Guss der 3. Glocke ist leider missraten. Wir müssen uns erst mit zwei Glocken begnügen. Die große Glocke, "Seid fröhlich in Hoffnung", wird auf den Ton g gestimmt sein, einen Durchmesser von 102 cm und ein Gewicht von 620 kg haben; die mittlere Glocke, "Geduldig in Trübsal", ist auf den Ton h gestimmt und hat einen Durchmesser von 85 cm und ein Gewicht von 320 kg; die kleine Glocke, "Haltet an am Gebet", ist auf den Ton d gestimmt und hat einen Durchmesser von 67 cm und ein Gewicht von ca. 180 kg. Auch für die Glocken erbitten wir euren Beitrag. Es ist noch viel zu tun. Gott wolle Euren Glauben stärken, dass Ihr bereit seid mitzuhelfen an dem Werk. Es geht nicht darum, unsere Ehre zu mehren, es geht um Gottes Ehre, und da dürfen wir vertrauen, dass Gott unser Tun segnet und uns Glauben und Kraft schenkt zum Werk.

Ansprache Pfarrer Jellinghaus

Maleachi 3, 10:
"Bringet aber die Zehnten in mein Kornhaus, auf dass in meinem Hause Speise sei, und prüfet mich hierin, spricht der Herr Zebaoth, ob ich euch nicht des Himmels Fenster auftun werde und Segen herausschütten die Fülle.

Verehrte Anwesende!
Mir ist der ehrenvolle Auftrag zuteil geworden, als Bettelsmann vor Ihnen zu stehen. Ich soll nämlich über die Kollekte reden. Ich soll betteln, und das kann ich besonders, wenn es nicht für mich ist. Ich möchte Ihnen androhen, dass nächstens, wie ja auch schon gesagt wurde, Leute mit einem Bettelpatent kommen werden, mit einer Urkunde, auf welcher stehen wird: der so und so ... ist vom Gemeindekirchenrat beauftragt mit einer Haussammlung für den Bau unserer Kirche. Diese Leute werden all das nötige Kleingeld sammeln - aber wir nehmen auch großes Geld. Wenn Sie mir z. B. hinterher 300 oder 500 Westmark oder auch Ostmark in die Hand drücken wollen, so wage ich es, ohne Genehmigung des Oberkirchenrates oder des Konsistoriums, dieses Geld anzunehmen für unseren Kirchenbau. - Scherz beiseite. Sie wollen etwas hören. Wenn man etwas haben will, so muss man auch geben; deshalb will ich aus meinem Leben etwas erzählen.

Ich fuhr einmal in der S-Bahn durch die Mark, Richtung Osten von Berlin, und sah, wie mein Gegenüber, aus dem Fenster. Nach einer Weile fragte der Herr: "Kennen Sie die Gegend? Wissen Sie, ob das ein gutes Jagdgelände ist?" - "Das kann ich Ihnen nicht sagen", gab ich zur Antwort. "Ich weiß nur, dass die Jagdpacht hier um Berlin sehr hoch ist. Aber warum fragen Sie danach?" Er: "Ja, denken Sie, ich habe das große Los gewonnen und will nun eine Jagd pachten." - Unwillkürlich rückte ich ein Stück von ihm ab, um ihn genauer zu sehen, und sagte: "0, ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der das große Los gewonnen hat. Da müssen Sie aber glücklich sein." Er wurde beinahe wütend: "Glücklich?! Sie glauben nicht, wie viele Freunde und Bekannte sich da an mich gehängt haben und mir das Geld aus der Tasche zogen. Aber nun will ich nicht mehr. Den Rest will ich für mich behalten. Die Schießerei ist mir Nebensache, aber die Jagd will ich mir pachten und durch Wald und Feld gehen können, wann ich will." - "Ja," sagte ich, "das ist sehr schön, und ich wünsche Ihnen viel Freude, aber wahre Freude gibt das noch nicht, wirklich glücklich werden Sie erst, wenn Sie eine bedeutende Summe für das Reich Gottes ausgeben." "Sind Sie Pastor?", fragte er. "Nein, ich bin weder Pastor, noch habe ich große Besitztümer, aber ich bin glücklich, für das Reich Gottes arbeiten zu dürfen." (Ich war damals nämlich nicht Pfarrer, sondern im Lehrfach tätig.)

Da fragte er: "Was kostet Ihnen denn Ihre Religion? Wissen Sie, ich habe einen Vetter, der gehört zu einer komischen Sekte, dem kostet seine Religion 2.000,-- Mark jährlich, er muss nämlich den Zehnten geben." Ich antwortete: "0, ich gebe noch viel mehr. Im Römerbrief, Kap. 12, V. 1 steht geschrieben: Darum, liebe Brüder, beschwöre ich euch, dass ihr eure Leiber begebet zum Opfer, dass da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst." Alles muss der wahre Christ seinem Gott und Heiland zur Verfügung stellen, er wird Haushalter, hat überhaupt nichts mehr für sich, weder Zeit, Geld noch Kraft. Und, sehen Sie, dabei bin ich froh und glücklich. Da sagte er: "Bleiben Sie bei Ihrem Glauben, ich kann mir denken, dass man so glücklich wird, da braucht man nicht mehr an sich selber zu denken." Ich: "Sie scheinen ein feines Verständnis für innere Vorgänge zu haben, ich wünsche Ihnen, dass sie wachsen in der Erkenntnis."

Es ist eine Freude, dass wir so weit sind mit dem Kirchenbau, und nun bitten wir Sie: Freuen Sie sich mit! Aber Sie werden die wahre Freude vermissen, wenn Sie nicht opfern. Opfern Sie einen oder hundert Pfennige - ich weiß nicht, was Sie opfern können - , aber opfern Sie! Gewöhnen Sie sich daran, monatlich für unsere liebe Kirche einen bestimmten Betrag zu geben, wie viel, das machen Sie mit ihrem Gott aus, aber geben Sie von dem, was Sie monatlich einnehmen, etwas Bestimmtes. Helfen Sie durch wirkliches Opfer. Opfer tun weh. Wenn sie nicht weh tun, dann sind sie ja keine Opfer.

Wenn man dem Kellner 5 Pfennig Trinkgeld anbietet, dann sagt er: Danke schön! Das behalten Se man! Gibt man ihm aber eine Mark, so macht er einen Bückling, denn er weiß, das fliegt keinem zu. Gott sieht nicht auf die Summe, sondern auf das Opfer. - Jesus saß dem Gotteskasten des Tempels gegenüber. Mit einem Mal rief er alle seine Jünger zusammen und sagte: Schaut euch die Witwe an! Sie hat nur zwei Groschen geopfert, aber sie hat damit mehr gegeben als die Reichen, sie hat nämlich alles gegeben, was sie besaß. Nun, das verlangen wir gar nicht, dass Sie alles geben, haben Sie keine Angst! Sie dürfen wieder ungeschoren hinausgehen. Es wird keinem etwas abgenommen, was er nicht geben will. Nur was Sie freiwillig geben, nehmen wir mit Dank an. Freuen Sie sich für 10 Pfennige oder für 10 Mark, aber tun Sie etwas, sonst geht der Segen weg.

Hätten die Völker der Welt mehr geopfert für das Reich Gottes, der entsetzliche Weltkrieg mit seinen Unmenschlichkeiten wäre nicht gekommen. Machen Sie sich klar: das ganze evangelische Deutschland hat für die Heidenmission ungefähr so viel gegeben wie für Lippenstifte und Rauchwaren. Was soll denn Gott zu solchem Luthervolk sagen?

Ein Gegenstück: in Hamburg arbeitet jetzt ein amerikanischer Flieger bei der Entrümpelung. Er isst nur so viel, wie ihm auf die übliche Lebensmittelkarte zusteht und arbeitet den ganzen Tag bei der Entrümpelung. Auch er hatte im Kriege die Bomben auf Hamburg geworfen. Jetzt hat der heilige Geist ihn in die Buße getrieben, und so opfert er Zeit und Jugendkraft, um Hamburg enttrümmern zu helfen, Diese Gesinnung wünschte ich manchem von uns, wir würden dann so in Not kommen wie der Gemeindekirchenrat wegen der Baugelder, was seine Mitglieder ins Gebet trieb.

Man dachte daran, dass es unserem Gott eine Kleinigkeit ist zu geben, was für den Kirchenbau nötig ist.- Es steht Ihnen ganz frei zu tun, was Sie wollen, aber Sie werden einmal die Freude an unserer Kirche vermissen, wenn Sie nicht mitgeholfen haben und dann jedes Mal beim Vorübergehen an der alten Dorfkirche denken müssen: dazu habe ich keinen Groschen gegeben. Denken Sie sich, ein altes Mütterchen kann dann zum Turm hinaufschauen und sagen: dazu habe ich auch manches Opfer gebracht. Das wird ihr dann noch oft eine Freude sein. Eins aber ist gewiss: wenn Sie geben, so werden auch Sie Ströme des Friedens, der Erquickung und der Freude erleben. Ich verspreche, von meinem Gehalt mehr als bisher für den Kirchenbau zu geben. Ich hoffe, viele werden es auch so machen. Vor allem aber: beten Sie im Kämmerlein auch für unsere Kirche, dass wir den Bau nicht abbrechen müssen, sondern bald in unser liebes Kirchlein einziehen können. Ich als alter Mann kann bezeugen:

Ja, ich weiß, Gott hört Gebet,
Ja, ich glaub's, Gott hört Gebet,
Hab's erprobt, Gott hört Gebet!
Ehre sei dem Herrn!
 Amen

Ansprache Herr Piertzik (Gemeindekirchenrat)

Philipper 4, 4:
"Freuet euch in dem Herrn allewege! Und abermals sage ich: freuet euch!"

In dem Herrn freuen, freuen können sich die, die den Herrn recht lieb haben, und die sind ja auch dazu hergekommen, dass sie bezeugen: "Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt." (Psalm 26,8). Diese Liebe ist es gewesen, die uns Lichtenrader beschäftigt hat: was wird aus unserer alten Kirche werden? Diese Liebe hat die Mitglieder des Gemeindekirchenrates bewegt: wie können wir unsere alte liebe Dorfkirche wieder aufbauen? So manche Schwierigkeiten der Materialbeschaffung verzögerten den Bau, aber der Herr hat es gelingen lassen, dass wir heute so weit sind. Auch mit der Beschaffung des Holzes war es nicht einfach. Mit Schnittholz ist es heute besonders schwer, und die Einfuhr nach Berlin durch die Blockade unmöglich.

So mussten wir uns begnügen, Rundholz aus dem Walde zu kaufen, und darum konnte nur eine Firma den Auftrag dieser Zimmermannsarbeiten übernehmen, der es möglich war, das Rundholz zu verarbeiten. Aber auch das war nicht einfach, es fehlte an Strom.

Wir haben Holz auf dem Wasserwege nach Berlin bekommen. Auch das war nicht leicht, das Holz aus dem Wasser zu holen. Manch einer hat sich dabei nasse Füße geholt, und es ging auch manchmal nicht ohne Murren ab, aber doch freuten wir uns, dass wir mithelfen konnten. Manch einer meiner Arbeitskameraden hatte das zum Ausdruck gebracht, als er bat: wenn die Lichtenrader Kirche gebaut wird, lasst mich mitarbeiten: Ich möchte an einem Bau arbeiten, der wirklich Freude macht.

Wir haben gestern die strahlenden Gesichter gesehen. Ihr lieben Lichtenrader! Freuet euch in dem Herrn! Denn Er ist es, der es uns geschenkt hat. Nur in dem Herrn konnten wir bauen, denn wir haben gehört: "Wo nicht der Herr das Haus baut, da arbeiten umsonst, die daran bauen." Es war uns eine freudige Stärkung, dass immer wieder in den Gottesdiensten und in den Sitzungen des Gemeindekirchenrates aufgerufen wurde: Betet für die Handwerker, dass sie bewahrt werden, und wir dürfen Gott danken, dass er geholfen hat. Er wird auch weiter helfen, denn Er ist treu.